Thomas Gebauer: Eine Utopie des Helfens

Veröffentlicht am Dienstag, 21. Mai 2019

Um die Utopie des Helfens und Wege aus der globalen Krise geht es im letzten Vortragsabend der Tage der Utopie 2019. Langjährige Weggefährten des Festivals übernehmen in diesem Jahr die einleitenden Worte und heute ist es Walter Schmolly, der den Vortragenden Thomas Gebauer vorstellen wird. „Wenn man sich in ein utopisches Land aufmacht, ist man froh, einen Begleiter zu haben, der das Land schon etwas erkundet hat“, sagt der Direktor der Caritas Vorarlberg und bezeichnet das Helfen als eines der ganz großen Dinge des Lebens. Dies habe genau so mit der Auseinandersetzung der eigenen Identität zu tun wie mit etwas tief Politischem. Walter Schmolly weist darauf hin, dass der Friedens-Experte Thomas Gebauer sich in seinem Vortrag vor allem mit der kritischen Auseinandersetzung des Helfens im Kontext utopischen Denkens beschäftigen wird.

 

Die Kraft des musikalischen Bodens

Vorab bringen die beiden Musiker David Helbock und Lorenz Raab eine eigens für das Festival geschriebene Komposition zur Uraufführung. Das Werk, das der Jazzpianist Helbock schrieb, beginnt in tiefen Tönen an Klavier und Trompete. Wie schon am Vorabend gleicht das Stück einem Dialog, der sich langsam entwickelt und einer breit geführten musikalischen Diskussion gleicht. Helbock und Raab bereiten dem Vortrag einen satten Boden, das Werk wirkt trotz aller Erdung nie zu tief und die hohen Töne ähneln einem angeregten Zwiegespräch, das mit großer Freude geführt wird. Es liegt etwas Filmisches und Dramatisches in der Luft, bei dem Raab mit der Trompete beständig einen starken Erzählfaden in der Hand hält, während Helbock auf ganzer Klaviatur eine wachsende Neugier für die nächste Szene weckt. Es lässt das tiefgreifende Thema der kommenden Stunde bereits erahnen. „Die Musik“, so Festivalleiter Hans-Joachim Gögl eingangs, „puffert nach hinten in die Tat“, und seine Worte entfalten spätestens jetzt ihren Sinn. Wie schon Julia Ebner am Abend zuvor, lobt auch Thomas Gebauer die Musik und sagt, ihm seien beim Zuhören Bilder gekommen.

 

Ambivalente Thematik des Helfens

„Wir alle haben während unseres Lebens schon die Erfahrung des Helfens gemacht. Hilfe ist ohne Frage etwas, das allgegenwärtig ist“, so der Stiftungssprecher der Hilfsorganisation „medico international“. Und er erläutert weiter, wie unterschiedlich Gesellschaften auf Missstände reagieren und auch, dass es Menschen gebe, die sich gerne helfen lassen, während andere sich fürchten, in die Abhängigkeit zu geraten. Als ambivalent bezeichnet der studierte Soziologe die Hilfe, die zwar dazu beitrage, Not und Unmündigkeit nachhaltig zu überwinden, aber gleichzeitig auch zum Gegenteil führen könne.
Thomas Gebauer formuliert die für eine kritische Betrachtung des Helfens relevanten Fragen: „Was ist wichtig, um für Gerechtigkeit zu sorgen und welche Rolle spielt dabei Hilfe und Solidarität?“ Diese Fragen seien auch für das Buch „Hilfe? Hilfe! Wege aus der globalen Krise“, das der Friedensexperte gemeinsam mit dem Autor Ilja Trojanow schrieb, elementar gewesen: „Wir sind mit diesen Fragen im Gepäck losgefahren und in acht Länder gereist. Wir wollten erfahren, wie Hilfe sich heute gestaltet und vor allem, was an Bedingungen gegeben sein muss, dass sich eine andere, solidarische Welt ergibt“, so Gebauer zum Publikum.

 

Verhältnisse, die Hilfe notwendig machen

Bereits am ersten Abend in der pakistanischen Stadt Karatschi hätten die zwei Autoren bei einer Kunstausstellung die anwesende lokale Hilfsorganisation „Robin Hood Army“ getroffen, die das übriggebliebene Essen an Bedürftige weitergegeben habe. In einem Land, in dem die Verhältnisse mehr Hilfe bedürfen, als eine Hilfsorganisation leisten könne. „Es wird deutlich, und das ist paradox, dass die Welt nicht an zu wenig Hilfe leidet, sondern an Verhältnissen, die immer mehr Hilfe notwendig machen“, resümiert der Referent. Er betont, dass es bekannt sei, dass die weltweit zur Verfügung stehenden Mittel nicht mehr ausreichen, um den Krisen in der Welt zu begegnen. Hier ist laut Gebauer die Politik gefordert, die vor allem bei der Ursachenbekämpfung von Not gefragt sei. Aber auch hierin stecke eine Ambivalenz, sagt der Forscher, denn es sei in der Wahrnehmung eher akzeptiert, wenn Menschen etwas Zupackendes tun wie z.B. Opfer von Naturkatastrophen aus Schlammlawinen retten als wenn sie sich um die Ursachen von Not zu kümmern. Diese Menschen sähen sich häufig dem Vorwurf ausgesetzt, sie würden Politik auf dem Rücken von Notleidenden betreiben.


Charitainment

„Die Dinge sind immer auch ambivalent und problematisch. Und wenn wir über Utopien reden, dann ist es notwendig, in dieses komplexe und ambivalente Geschehen hineinzuschauen. Es ist nichts schlimmer als wenn wir aus falschen Analysen hinterher falsche Schlüsse ziehen und etwas als utopischen Ausweg formulieren, der in die Irre führt“, so Gebauer. Er erzählt von Hilfswerken, die in der Vergangenheit mit Slogans dafür warben oder Spendenplattformen wie „Share the meal“. Werde das Helfen dann zu „einem bloßen Event für Solidarität“ instrumentalisiert und entstünde auf Wohltätigkeitsveranstaltungen und Galas daraus ein „Charitainment“, wie es Referent bezeichnet, sei das problematisch: „Dann ist es vollkommen egal, ob es jüngere Menschen in Afrika sind oder es das Krankenhaus von nebenan ist. Man spendet und fühlt sich gut.“
Und damit bringt der Experte, der mit der von medico initiierten internationalen Kampagne zum Verbot von Landminen 1997 den Friedensnobelpreis entgegennahm, das Verhalten von Privatwirtschaft unter die Lupe: „Ganze Unternehmen drängen heute stark in dieses Feld hinein und wollen partizipieren“, weiß Gebauer.


Hilfe ist etwas Politisches

Mit relativ wenig Aufwand würde das betrieben werden, meist müsse ein alter Hut nur aufgehübscht werden, sagt Gebauer und aus Business würde Social Business entstehen. Auch ein sogenanntes Impact-Investing würde betrieben und hierbei sei die Politik bereits auf Kommunalebene beteiligt: „Politiker, mit denen ich gesprochen haben, sagen, wir können nicht mehr anders, die wenigen Mittel, die wir haben, um Not zu beseitigen, müssen wir inzwischen dazu verwenden, um Anreize für Investitionen zu schaffen.“ Den Begriff „Impact“ erläutert Thomas Gebauer mit finanzieller und auch gesellschaftlicher Rendite. Der Effekt müsse aber möglichst rasch erzielt werden. Das hohe Tempo steht im Widerspruch zu den Zielen und die liegen, wie der Vortragende erläutert, im Schaffen sozialer Gerechtigkeit, im Fördern der Demokratie und in der interkulturellen Verständigung. Tatsächlich würde jedoch der „Return of Investment“ auch im Hilfsgeschehen immer stärker thematisiert. Aufklärungsarbeit leistet diesbezüglich der „Charity Evaluator“, der von zwei Hedgefond-Analysten gegründet wurde und mittels detaillierter mathematischer Untersuchungen jedes Jahr die effektivste Hilfsorganisation ermittle. Im neoliberalistischen Kontext seien diese Ergebnisse jedoch irrelevant. „Das, was wir als Globalisierung wahrnehmen, hat ja zu diesen Ungleichheiten geführt“, ist Gebauer überzeugt und ergänzt, dass in weiterer Folge immer mehr Menschen nicht mehr gebraucht werden würden, weder als Produzenten noch als Konsumenten.

Die Frage, was Hilfe eigentlich ist, sei von ungebrochener Relevanz und nun wird Thomas Gebauer leidenschaftlich: „Wie gelingt Hilfe angesichts einer in Irrationalität versinkenden Welt, wie muss Hilfe gedacht werden, dass sie zu einem nachhaltigen Überwinden von Not und Unmündigkeit beitragen will? Und das ist für mich der Ausgangspunkt: Hilfe ist immer etwas Politisches, ja, Hilfe mischt sich ein, auch die unpolitische und wir denken, sie tut das nicht.“
Und noch weiter in Richtung Lösung vortragend, sagt Gebauer, „dass die Utopie eines zur Emanzipation drängenden Helfens nicht in einer Verschwendung von privatem Kapital liege sondern im Gegenteil: in Selbstorganisation und in von unten geschaffenen, demokratisch verfassten gesellschaftlichen Organisationen, die allen Schutz und Daseinsvorsorge garantieren.“

Und dann nennt Thomas Gebauer die Wichtigkeit der Solidargemeinschaft, die nicht etwas sei, aus dem man unmittelbar Gewinn ziehen könne. Um dieser selbstorganisierten Solidargemeinschaft einen Wirkungskreis zu geben, brauche es seiner Meinung nach die gesetzliche Regelung. „Ohne Sozialstaatlichkeit wird es nicht funktionieren. Wir werden diese Formen des Helfens von Außenkollektiven nicht ohne gesetzliche Regelungen hinbekommen.“


Lokale Entscheidung über die Vergabe von Mitteln

„Es kommt nicht von selbst, Solidarität ist nicht eine Affäre des Staates, sondern von Menschen, die darum streiten.“ Es gebe auch bereits gut funktionierende Vorbildprojekte, weiß Thomas Gebauer, aber „Es wundert nicht, dass diese Projekte von den Mächtigen der Welt nicht gern gesehen werden. Sie zeigen, dass die Idee der Alternativlosigkeit ein Mythos ist. Und sie zeigen, dass Hilfe unglaublich weitreichend sein kann, wenn sie eingebettet ist in verlässliche Strukturen von Selbstorganisationen.“ Es müsse sich vieles ändern, wenn das Recht auf Menschenwürde für alle gelten soll, ist sich Thomas Gebauer sicher und auch, dass es unsere von Konkurrenz, Verwertbarkeit, Sicherheit und Produktivität geprägte Lebensweise ist, die dafür sorge, dass anderswo Menschen entwurzelt würden. „Solidarität oder Kreativität und das, was wir uns manchmal ausmalen in den Alltagsutopien“, sagt der Autor und fügt an, dass es bei „medico international“ seit vielen Jahren die Einrichtung eines internationalen Fonds für Gesundheit gebe und das eine Art Bürgerversicherung sei. „Es könnte ohne großen Finanzaufwand heute schon realisiert werden, es bräuchte nur etwas wie eine völkerrechtliche Vereinbarung, in der sich alle Länder dazu verpflichten, zu den Gesundheitsbedürfnissen der Armen beizutragen.“
Das Zusammentragen der Ressourcen, das sollte nach Meinung Gebauers groß und global gedacht werden. Die Vergabe der Mittel hingegen müsse möglichst lokal entschieden werden. Auf diese Weise ließe sich ein Grundstein für eine globale soziale Infrastruktur legen. Eine, die allen Menschen überall auf der Welt den Zugang zu einer angemessenen, menschenwürdigen Versorgung und Existenz ermögliche, schließt Thomas Gebauer seinen Vortrag. Diese Utopie einer Hilfe, die danach strebt, den Gegensatz zwischen Stärke und Schwäche, zwischen Privilegierten und Nicht-Privilegierten und zwischen Gebern und Nehmern aufzulösen, scheint attraktiv und zum Greifen nah -  obwohl die Komplexität der ambivalenten Thematik rund um das Helfen übergroß im Raum schwebt, was von der Musik nochmals verdichtend in Resonanz kommt.


Hohe Konzentration und Präsenz

Man wird gut genährt bei den Tagen der Utopie – sowohl geistig durch all die hervorragenden Vorträge von Expert*innen beinahe jeder Alterskategorie, in musischer Hinsicht aufgrund der niveauvollen zeitgenössischen Kompositionsbeiträge und auch auf körperlicher Ebene durch die auswählten und liebevoll angerichteten Speisen und Getränken und dem herzlichen Service im ganzen Haus. Für die Bewegung im Außen und Innen haben die Besucher*innen selbst zu sorgen. „Utopische Urlauber“ heißen die Festival- und Übernachtungsgäste hier. Man spürt sofort, wer zu diesem Kreis gehört. Die Bewegungen sind anders, langsamer und aufmerksamer. Vermutlich hat es mit einem Zeitbegriff zu tun, aber so einfach wird die Zuordnung des Zaubers, der in diesem Festival liegt, nicht sein. Ausgefeilt und komplex ist das Konzept der Kuratoren-Masterminds Hans-Joachim Gögl und Josef Kittinger. Es verlangt hohe Konzentration und Präsenz, einer Idee zu dienen und dazu braucht es das Vermögen, Menschen, Inhalte und Visionen miteinander zu verbinden. Das hört sich groß an und das ist es auch. Spiegeln tut es sich z.B. in der Wahrnehmung des Kleinen, wenn man sich plötzlich des Genießens besten Trinkwassers gewahr wird. Es gibt die Zeit zu atmen. Um dann die Zeit dazu zu nutzen, der Zukunft würdige Schritte zu setzen und mitzuhelfen, eine Vision wie die Thomas Gebauers mitzutragen und ihr zur Verwirklichung zu verhelfen.
Die Entwürfe für eine gute Zukunft – und so lautet der Subtitel des Festivals – möchten umgesetzt werden. Die eigene Idee ist dabei herzlich willkommen: es gibt eine Postkarte an die WIRKstätten,  die, mit der Idee beschrieben und in den Briefkasten geworfen, mit etwas Glück vielleicht schon in zwei Jahren präsentiert wird. Anfang Mai 2021 wird das sein und dann möchte auch ich utopische Urlauberin werden. Verbunden mit dem Wunsch, dass auch eine Horde junger Menschen teilnimmt, die mit Elan, Talenten und offenem Herzen mutige Schritte in die Welt der Utopien wagen.

Mirjam Steinbock

Weiterführende Links:
https://www.medico.de
https://www.charitynavigator.org
https://www.robinhoodarmy.com

Publikation „Hilfe? Hilfe! Wege aus der globalen Krise“ von Thomas Gebauer und Ilja Trojanow im Fischerverlag
https://www.fischerverlage.de/buch/ilija_trojanow_thomas_gebauer_hilfe_hilfe/9783596701889

 

Zum Archivbeitrag mit Live-Mitschnitt des Vortrags >