Editorial

»Ich wusste nicht, dass es unmöglich ist,
deshalb habe ich es gemacht.« (Jean Cocteau)

Soviel zur Relativität des Unmöglichen. Bei diesem Satz fallen uns Menschen ein, die sich Lösungen, Entwicklungen oder Zustände vorstellen konnten, die jenseits der Dimensionen des Status quo lagen. Menschen, die sich nicht von der Reparatur bestehender Widerstände und Defizite beschäftigen lassen, sondern den Spielregeln ihrer Vision folgen.

In all den Jahren der Beschäftigung mit Zukunftsbildern scheint mir der Mangel nicht in unseren konkreten sozialen, wissenschaftlichen, künstlerischen oder technischen Fähigkeiten zu liegen, sondern in einer inneren Haltung, die es uns verbietet das Bestmögliche zu schauen. Ein merkwürdiges Zögern, sich der Vorstellung des Optimalen hinzugeben.

Jede Innovation, jeder Veränderungsschritt ist immer eine implizite Kränkung des Bestehenden.

Vielleicht ist der Verzicht auf die Utopie eine Form der Schonung unseres Rudels, dessen größte Sehnsucht seiner Mitglieder die ist, dazuzugehören? Oder die prophylaktische Erschöpfung vor einem Projekt außerhalb des eigenen Erfahrungshorizonts? Vielleicht die Furcht vor dem Schmerz, die Distanz zwischen Vision und Wirklichkeit ertragen zu müssen?

Die Lösungen, die wir für überlebensnotwendige Strategien wie den Schutz der Arten oder das Abwenden der Klimakatastrophe brauchen, finden wir allerdings kaum in der langsamen Verbesserung jener Systeme, die das Problem verursachen.

Die »Tage der Utopie« sind ein Impuls, sich bei Entwürfen, die aufs Ganze gehen, nach ihrem Inspirationspotential zu erkundigen. Die Utopie niemals als Rezept, aber als Werkzeug einer soghaften Wahrnehmung der Alternative und ihrem Potential an Freude und Hoffnung.

Wir wussten nicht, ob es möglich ist, trotzdem haben wir es gemacht.

Cocteaus Bonmot erinnert uns aber auch ironisch an unseren Versuch, eine Präsenzveranstaltung in Zeiten von Corona zu planen. Dazu haben wir uns schon letzten Sommer entschieden, als wir die Sprecherinnen und Sprecher dieses Programms angefragt haben. Und während dieser Text geschrieben wurde, wissen wir immer noch nicht, ob und wenn dann in welcher Form das Festival vor Ort stattfinden kann. Trotzdem wollen wir bei allem Realismus und dem Wissen um die Unwägbarkeit des Pandemieverlaufs, ein - vielleicht utopisches - Zeichen in die richtige Richtung setzen: Für Begegnung, Austausch und das Erlebnis einer Zivilgesellschaft im lebendigen Diskurs um ihre gute Zukunft. 

Neu: vor Ort AMBACH und online als Live-Stream

Um eine sichere, den Corona-Verordnungen entsprechende Infrastruktur anbieten zu können, führen wir unsere Abendveranstaltungen erstmals in der geräumigen Kulturbühne AMBACH in Götzis durch. Alle Workshops finden wie immer in Arbogast statt. Parallel dazu bieten wir in jedem Fall eine digitale Version des Festivals an. Im Falle eines Lockdowns wandeln wir die vor Ort-Tickets in Online-Zugänge um.

Ich freue mich auf unsere kommenden Begegnungen!

Hans-Joachim Gögl