Roland Gruber: Aus Donuts müssen Krapfen werden!

Veröffentlicht am Montag, 13. Mai 2019

„Gemeinsam planen, umsetzen, feiern“

Christian Beinke und Ludwig Kannicht, die beiden Co-Gründer von Dark Horse, haben in ihrer beeindruckenden Präsentation am Montagabend, 6. Mai 2019, auf einen Aspekt ihrer methodischen Herangehensweisen hingewiesen, der auch in ihrem Buch „Thank God it’s Monday“ behandelt ist. Bei der Suche nach Lösungen ist es empfehlenswert, in der Geschichte der Projekte zu schauen, welche möglicherweise ähnlichen Fragen bereits einmal vorgekommen sind. Dabei geht es aber nicht darum, die erlebten und praktizierten Lösungen in die Gegenwart zu kopieren, sondern strategische Ansätze nochmals zu befragen, wie nützlich sie waren. Die Tage der Utopie, die seit 2003 in Arbogast stattfinden, sind mit Blick auf frühere historische Erfahrungen ein corporate market place, eine Art Landebahn und Umschlagplatz von Ideen, deren paradigmatischen Lösungsansätze durchaus katamnetische Perspektiven sowie alte und neue Denkansätze in einen Dialog bringen können. In der Geschichte Vorarlbergs gibt es zahlreiche Beispiele, die in einem Akt des Erinnerns darauf verweisen, dass manches von dem, was und wie wir heute denken, durchaus interessante Modelle in der Geschichte als zu hebende Schätze bereit hält. Die Auer Zunft etwa, die Handwerker aus dem Bregenzerwald, die in der Renaissance ausgezogen sind, an anderen Orten in Europa Bauhandwerkliches zu erlernen, es in den Bregenzerwald bringen, hier verfeinern, um dann wieder als Barock-Handwerker auszuschwärmen, die zahlreiche bedeutende Bauten hergestellt haben. Parallel wurde auf der gesellschaftlich-sozialsystemischen Ebene eine Winterschule für die, die dageblieben waren, eingerichtet. Im heutigen Werkraum Bregenzerwald (Architekt Peter Zumthor), wie er in der Gemeinde Andelsbuch als ein Kompetenzzentrum existiert, leben diese zum Teil uralten Kompetenzen weiter.

 

Josef Mathis, Präsentator und Moderator des Abends

Die Vorstellung, Präsentation und Moderation des Mittwochabends lag in den Händen von Josef Mathis, seines Zeichens ehemaliger langjähriger Bürgermeister der Gemeinde Zwischenwasser. Sein Auftritt an diesem Abend spiegelt einen wesentlich grundlegenden Aspekt, dass mit den Tagen der Utopie ab 2003 eine Reihe von Netzwerken entstanden sind und zahlreiche Kooperationen mit Forschungszentren und universitären Einrichtungen begründet wurden. Josef Mathis ist ein nennenswerter Protagonist in diesen Vernetzungsgeschichten. Vorarlberg, finde ich, darf stolz sein, eine Reihe derart kompetenter Persönlichkeiten zu haben, die entsprechend auch diese bedeutende Kompetenz und Verantwortung besitzen, ihre Erfahrungen zu disseminieren.

Ein Kernthema, das Josef Mathis mit Roland Gruber teilt, ist die Baukultur, die keine Expertenspielwiese ist, sondern alle angeht. 1999 wurde auf Grubers Initiative hin „LandLuft“, ein Verein zur Förderung der Baukultur im ländlichen Raum gegründet, der sich im Wesentlichen um Erfahrungs- und Denkprozesse kümmert, wie gute Architektur entstehen kann. Vgl. http://www.landluft.at: „Die in Baukultur gebündelte Kompetenz rechnet sich durch höhere Lebenszyklen und regionale Wertschöpfung; Baukultur schafft Werte und verbessert die Lebensqualität, sie stärkt die Kommunikation in der Gemeinde und erhöht die Identifikation mit dem eigenen Lebensort.“ Josef Mathis beginnt mit einem Hinweis auf die Jetztzeit, die angesichts der zunehmend spürbaren Individualisierung in der Gesellschaft spannende Herausforderungen bereithalte, die sich u.a. in der Beziehungsarmut artikuliere; man rede mehr übereinander als miteinander. Ein Motto dieser Auseinandersetzung mit der Entwicklung im ländlichen Raum ist es, Beziehungen wieder herzustellen. Er habe den Architekten Roland Gruber als Architekten 2006 in Linz im Rahmen des ökosozialen Forums getroffen, um Innovationen in Gemeinden sichtbar und transparent zu machen. Roland Gruber studierte Architektur in Linz und Zürich und ist aktives Mitglied einer Reihe von Initiativen, die sich mit Zukunftsmodellen erfolgreicher Gemeindeentwicklung im Rahmen von Beteiligungsprozessen im ländlichen Raum beschäftigt.

 

Das Gespräch als zentrales Entwicklungsformat

In Erweiterung des LandLuft-Engagements wurde des Weiteren die Leerstandsinitiative gegründet, die sich mit der Nutzung leerstehender Objekte befasst, ein Problem, das für Raumplanung viele Ideen und Ansätze bereithält aber noch gar nicht wirklich gelöst ist. Ein Schwerpunkt ist das Gespräch. Systeme werden durch Kommunikation eingerichtet, wie dieser Tage in Arbogast öfter zu hören ist. Das Gespräch ist jenes Format, das man immer braucht. Um baukulturelle Erfolgsgeschichten in Gemeinden auf Weg zu bringen, braucht es Möglichmacher, Stimulatoren, Ideengeneratoren, Positivdenker, Experten für Entwicklungsstrategien, Nonkonformisten, Querdenker und Leute mit langem Atem. LandLuft hat in Wien gerade das 20-jährige Jubiläum für Baukultur im ländlichen Raum gefeiert, wobei ein Vorschlag von Andreas Gruber aufhorchen ließ, wie sich Studierende zukünftig mit einem „Aufs-Land-Semester“ für die Ideen der Förderung von Entwicklungen im ländlichen Raum engagieren könnten. 

 

Music makes the going easy … 

Vor dem Gruber Vortrag Musik von David Helbock und Lorenz Raab. Die Echos am Piano beginnen wie die Ouverture zu einem dramatischen Film. Lorenz Raabs Trompete klingt melodiös und verzahnt sich in großen Bögen mit den beflügelnden Tönen aus dem Instrument David Helbocks. Es ist, als käme Grigori Aleksandrovich, 1739–91, Staatsmann und Geliebter von Katharina II, der er zeitlebens blieb, persönlich nach Arbogast heraufgeritten, um anstelle der Potemkinschen Dörfer, die er 1787 anlässlich Katharinas Tour durch die Krim als Scheinfassaden aufbauen ließ, (endlich) genuin kluge Dorfentwicklung, nach menschlichen Maßen, zu initiieren. Lorenz Raab, kongenialer Partner von David Helbock klettert wie ein Überlebender mit der Trompete an den Rändern eines großen Kraters hoch, schwingt sich herauf ins Freie, mit viel Himmel über sich, setzt sich ans Bankett und nimmt von den Früchten, die vor ihm ausgebreitet sind. Bis die Sonne untergegangen ist. 

 

Wir brauchen die Welt aber auch das Land

Roland Gruber präzisiert diese Idee von den StudentInnen, die ein Semester aufs Land gehen sollten. Die Jungen brauchen die Welt aber auch das Land. Dort könnten sie einen neuen Zugang lernen und würden verstehen, warum junge Menschen gerne wieder zurück aufs Land gingen, sich aber nicht trauen. Mitunter weil die entsprechenden Infrastrukturen erst geschaffen werden müssten und ein frischer Spirit in die Denke einziehen sollte. Dieses Alltagsleben abseits dem Puls der Städte könnte auch ein neues Bewusstsein und Vertrauen entstehen lassen. Nicht im Sinne der ewigen Deutschaufsätze-Themenstellung, von wegen welches Leben denn das bessere sei, das in der Stadt oder das auf dem Land; vielmehr um zu erfahren, was die jeweiligen Qualitäten sind. Somit wäre jede Gemeinde auch eine Unigemeinde, und man könnte Gegenentwürfe für Zukunftsorte persönlich ausprobieren. Die Stadt wird ländlicher, das Land wird urbaner, leider nicht immer zum Vorteil. Auf dem Land werden mehr und mehr Straßen und Parkplätze gebaut, die die diversen Märkte und Einkaufszentren attraktiv erreichbar machen sollen. Das Land als Antipode zur Stadt hat offensichtlich ein Stück weit verlernt und ist gerade dabei, mutiger zu werden und die vielen halbtoten Ortskerne wieder neu zu erfinden. Früher gab es im Ortskern durchwegs eine gut balancierte Nutzungsmischung, und funktional gesehen war alles kompakt vorhanden; mit dem Einzug einer (Pseudo)-Moderne, oft verknüpft mit Kopien von US-amerikanischen Vorbildern, begannen die Orte ab den sechziger Jahren in die Breite zu wachsen und die Nutzungen zu verändern. Die Straße, die Zentrum und Peripherie verband, wurde gleichermaßen das trennende und verbindende Element. Vor gut 20 Jahren, um ca 2000, wurde das Zentrum neu entdeckt, Funktions- und Nutzungstrennungen wurden wieder sichtbar, weil man spürte, dass die Peripherie dominierenden Nutzungen, wie Einkaufszentren mit absurdem Flächenverbrauch, den Stadtkern mehr und mehr entleerten. Doch gegen die Gewohnheiten, an die Ränder der Städte zu fahren, dort zu parken und einzukaufen, meist ohne Gebühren, hilft auch keine Baukultur … auch wenn es, kurzfristig betrachtet, bequem ist. Realität ist, dass die versiegelte Fläche groß ist und größer wird. In Österreich sind die Flächen der Parkplätze 1,8 mal größer als jene der Supermärkte, in Frankreich 1,2mal und in Italien 1:1. Gleichzeitig herrscht Ödnis im Zentrum. Der Ortskern, die soziale Mitte der Stadt ist leer, Häuser stehen oft leer. Donut-Effekt nennt man das Phänomen, dass die Ortskerne leergefressen sind.

 

Donut und Krapfen Vergleich

Die Projekte, die Roland Gruber betreibt, schlagen vor, leerstehende Gebäude in den Ortskernen zu nutzen und per gesetzlicher Verankerung 10 Jahre zu verbieten, dass neue Flächen verbaut werden. Die Idee „innovative Krapfenmarmelade“ zu entwickeln sieht die Rückverlagerung des Handels in die Zentren vor, dazu allerdings müssen neue Rezepte entwickelt und ortsspezifische Rezepturen gefunden werden. Die Bürger sollen durch spezielle Formate und Experimente hereingeholt werden, am besten mit Humor und lustvoll, man solle – so der rhetorische und inhaltlich hochkompetente Zampano des Abends - soziale Akte schaffen,warme Suppen servieren, die die Spannungen lösen, und: „das Bier darf nicht fehlen“, Gespräche muss man nicht initiieren, wenn die Gäste sich wohl und willkommen fühlen. Danach könne man gut über Beteiligungstipps reden und „durch die dümmsten Fragen die besten Ideen entstehen lassen“. Und es braucht Personen, die sich um die neuen Krapfenfüllungen kümmern, die Netzwerke bauen und einen Förderüberblick gewinnen, weil viele Gelder brach liegen.

 

Orts- und Stadtkerne wachküssen

Roland Gruber öffnet die Türen für den Blick in die Praxis. Der Verein habe bis dato an ca 80 Projekten gearbeitet, ein paar ausgewählte stellt er vor: Haag in Niederösterreich, Arfeld in Nordrhein Westfahlen, Mils in Tirol. Anhand dieser Beispiele weist er auf Prinzipien und Haltungen hin, die Wirkmacht entfalten konnten. Innen- vor Außenentwicklung, Nahversorger ins Zentrum holen, Sportzentren in den Ortskern stellen, Ideenfestivals veranstalten, um Bilder für ein Stück räumliche Zukunft zu entwickeln, sog. Zentrumskümmerer installieren, Co-Working Spaces mit diversen Nutzungsvarianten einrichten, Creatives in Residence einladen, Dorfschreiber, Künstler, Gemeindezeitungen publizieren, sichtbar machen, wer hier lebt, geeignete Personen finden, die kompetent sind und sich engagieren, Stadtfeste mitten im Zentrum veranstalten, Mobilitätsterminals aufbauen, attraktive Begegnungszonen, Kulturzentren, Selbstorganisation fördern, zu Vernetzungskonferenzen einladen

Entsprechend der inhaltlichen Fülle, die ein wunderbarer Referent rhetorisch einladend und animierend als Teppich von Ideen ausgebreitet hat, klingt die improvisierte Musik von David Helbock und Lorenz Raab wie Gypsiequeen und Dschungelorchester, Queens Bohemian Rhapsody und die Spencer Davies Group … manchmal schrill und tscheppernd, immer vollmundig und variantenreich, mit schnellen Wechseln. So geht’s in die Pause und in eine nächste Lernreise. Lange Zeit war die räumliche Entwicklung total auf das Automobil ausgerichtet. Dies „bringt Konsequenzen mit sich, die noch viele Jahrzehnte lang ausgebadet werden müssen. Der Donut-Effekt macht die Gemeinden kaputt. Er zieht den Orten ihren Boden und ihre Identität weg, und er macht sie für kommende Generationen unattraktiv.“ (Roland Gruber: „Aus Donuts müssen Krapfen werden“ in: Tage der Utopie. Entwürfe für eine gute Zukunft. Hrsg. von Hans-Joachim Gögl und Josef Kittinger, Bucher Verlag, Hohenems, 2019, Begleitband zu den Tagen der Utopie) Die Tage der Utopie 2019 sind ein wichtiger Umschlagplatz für Ideen und den Diskurs von best-practice Modellen, die im angloamerikanischen Sinne nicht alleine auf betriebswirtschaftliche Kontexte hinweisen, sondern von kommunalem, gesellschaftlichem und sozialem Nutzen sind. Gelebte Utopien – der Spirit von Arbogast.

Peter Niedermair

 

Zum Archivbeitrag mit Live-Mitschnitt des Vortrags >