Julia Ebner: Zur Zukunft des politischen Dialogs

Veröffentlicht am Mittwoch, 15. Mai 2019

„Sie ist in die Wand gegangen und hat einen steilen Weg gewählt.“ Bertram Meusburger vom Büro für Zukunftsfragen verwendet in seinen einleitenden Worten über Julia Ebner eine bewegende Bildsprache. Die Extremismusforscherin hat in ihrem Buch „Wut“ zwar nicht über das Klettern, sondern über sich wechselseitig bedingende Strategien von Islamisten und Rechtsextremisten geschrieben, der Vergleich zu der Fortbewegungsart, die seit jeher auch dem Ausspähen von Feinden diente, hinkt jedoch keineswegs. Mithilfe von Undercover-Aktionen tauchte die Forscherin in Gruppen einschlägiger Online-Foren tief in die Dynamik und Methoden extremistischer Gruppen ein. In Klettersprache ausgedrückt, ist die Expertin also direkt in die Steilwand eingestiegen. Das Narrativ, das Bertram Meusburger wählt, erhält in diesem Fall eine positive und bestärkende, weil menschenfreundliche Wirkung. Inwiefern Narrative aktuell vor allem in sozialen Medien dazu verwendet werden, diktatorische Absichten zu untermauern und politische Diskurse zu beeinflussen, ist der Fokus dieses Abends.

Dem Vortrag voraus geht der Zeitgenössische Musikbeitrag von David Helbock am Piano und Lorenz Raab an der Trompete. Sie wählen eine aus der Feder Helbocks stammende Komposition, die heute uraufgeführt wird. Sie beginnt tief und klangvoll und ist von einer leichten Melancholie getragen. Sehr erzählend wirkt das Zusammenspiel der beiden Musiker, die es verstehen, ihre Instrumente in ein Gespräch zu verwickeln. Die Arrangements erklingen in Höhen und Tiefen und in den zeitweilig spielerischen Modulationen hat das etwas vom Tangotanz, der in Wahrheit nichts anderes als Gehen im Raum ist. Und dem ähnlich zeigt auch die Musik von Helbock und Raab die Skizze eines Weges auf. Präzise genug, um einen Pfad zu erkennen, und in jener leichten Strichstärke, mit der die Zuhörenden zum aufmerksamen Begehen eingeladen werden.

 

Besser als die Mitte

„Wow, was für eine Ehre, das war eine tolle musikalische Komposition“ lauten die ersten Worte von Julia Ebner am Vortragspult. Das Feingefühl, das Bertram Meusburger bei der Referentin vermutete, bestätigt sich. Gemäß der zukunftsorientierten Ausrichtung der Tage der Utopie soll ihr Vortrag um Lösungsansätze und beispielhafte Initiativen im Umgang mit Hasskampagnen gehen. Ihr sei wichtig, sich eingangs zu den Problemen zu äußern, „um aufzuzeigen, was die unterschiedlichen Dynamiken und Dimensionen der Problematik sind“, informiert Julia Ebner. Sie sagt, es sei den extremen politischen Rändern im Laufe der letzten Jahre gelungen, den politischen Diskurs zugunsten rechtspopulistischer Parteien zu verschieben und ihn vermehrt in Richtung Demokratie- und Menschenfeindlichkeit zu verrücken. „Ich werde einerseits auf das Geschichtenerzählen eingehen, in dem Extremisten leider sehr oft besser sind als die Mitte. Ich werde auch etwas dazu sagen, mit welch unfairen Mitteln und Strategien sie arbeiten und wie ihnen dabei die sozialen Medien in die Hände spielen.“

Julia Ebner geht auf Parallelen ein, die sie während der Recherche zu ihrem 2017 zuerst auf Englisch erschienen Buch „The Rage“ sowohl auf der islamistischen als auch rechtsextremen Seite entdeckte. Dabei fiel ihr auf, dass Extremisten es gekonnt schaffen, komplexe Welten und Dynamiken vereinfacht darzustellen, was bei den Zielgruppen gut ankomme. Vereinfachungen durch die Verwendung von Schwarz-Weiß-Bildern, die Betonung der Opferrolle der Eigengruppe und eine Dämonisierung und Dehumanisierung der Fremdgruppe führe bei islamistischen und rechtsextremistischen Propagandisten dazu, deren Weltbilder in die Mitte zu befördern, weiß die Forscherin. Bestehende und auch neue Zielgruppen anzusprechen, darauf würden sich extremistische Gruppen gut verstehen. Ein junges Publikum werde über Computerspiele erreicht oder über stark visuelle Elemente angesprochen. Auch auf verschleierte Aktionen wie das Kapern bereits bestehender Kampagnen, wie es die Identitäre Bewegung mit dem von der Frauenrechtsbewegung eingeführten Hashtag #MeToo machte, weist Ebner hin.

Als skurril bezeichnet die Forscherin, dass Rechtsextremisten im Zuge der Entfernung mehrerer Accounts auf sozialen Medien wie Facebook und Twitter auf die Presse- und Meinungsfreiheit verwiesen. Dies sei „kein besonders ernst gemeintes Plädoyer für die Meinungs- und Pressefreiheit, weil gegen Jeden, der anderer Meinung ist eine Hasskampagne gestartet wird“. Ebner machte nach der Veröffentlichung ihres Artikels in „The Guardian“ über Tommy Robinson, den Gründer der rechtspopulistischen English Defense League, selbst damit Erfahrung: „Am nächsten Tag stand er mit einem Kameramann in meinem Büro und hat eine riesige Hasskampagne auf Twitter gestartet.“
Robinson filmte sein Eindringen in das Büro der Organisation „Quilliam“ und übertrug die Konfrontation mit Julia Ebner live an seine 300.000 Follower.

 

Fallen vermeiden, Innovatives generieren

Was also tun, wenn sogenannte Troll-Armeen bestehende und neue Mitglieder in Foren und Gruppen versammeln und gezielt koordinieren, um meist zu einem fest verabredeten Zeitpunkt eine Hasskampagne über Like- oder Dislike-Funktionen von Social Media-Meldungen zu starten? Wie damit umgehen, wenn Menschen gezielt „gedoxt“ werden, was bedeutet, dass ihre persönlichen Daten wie Telefonnummern und Adressen im Netz preisgegeben werden? Und wie lässt sich eine von Extremisten gesteuerte Kampagne, die eine Steuerung des politischen Diskurses zum Ziel hat, überhaupt erkennen?

In ihren Lösungsansätzen konzentriert sich Julia Ebner auf das Zivilgesellschaftliche, nennt dabei u.a. die Vermittlung digitaler Medienkompetenz bei der jüngeren und älteren Generation und weist gleichzeitig darauf hin, dass der Start von Gegenkampagnen bei unzureichendem Wissen schnell kontraproduktiv werden kann. Extremistische Organisationen, die laut der Forscherin immer einen Schritt voraus seien, würden zu wenig differenzierte Gegenreden sofort für ihre Zwecke nutzen. Das Institut für Strategischen Dialog, für das Julia Ebner als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig ist, entwickelte zwei Programme, um dem entgegenzuwirken: Bei den „Internet-Citizens“ wird im schulischen und außerschulischen Bereich Medienkompetenz vermittelt. Das „Young Digital Leaders-Programm“ trainiert junge Menschen darin, Fallen zu vermeiden und spannende und innovative Inhalte zu generieren. Die Teilnehmenden werden dazu ausgebildet, Gegenkampagnen zu starten und Infrastrukturen für den viralen Auftritt zu nutzen. Besonderes Augenmerk wird auf die Formulierung einer klaren Botschaft und die genaue Zielgruppendefinition gelegt.

Die Entwicklung einer Online-Zivilcourage hält Julia Ebner für sehr wichtig, sie nennt in diesem Zusammenhang die geschlossene Facebook-Gruppe #ichbinhier, die das Ziel hat, das Diskussionsklima auf Facebook durch positive Botschaften zu verbessern. Weitere Möglichkeiten zur Erkennung von Hasskampagnen bieten laut Ebner die Initiative „Correctiv“, welche Desinformationen aufzeigt, oder die deutsche NGO „Fearless Democracy“, deren Projekt „Hate Aid“ all denen Hilfe bietet, die unter Hass im Netz leiden. Julia Ebner kennt die Organisation aus eigener Erfahrung und begrüßt, dass das Projekt „Menschen in ihren unterschiedlichen aktionistischen Bereichen dazu motiviert, weiterzumachen. Das Hauptziel von rechtsextremen Kampagnen ist natürlich, uns von der Arbeit abzuhalten bzw. die Zivilgesellschaft dazu zu bringen, keine Zivilcourage im Online-Bereich zu beweisen.“

 

Rückmeldungen aus dem Publikum

Die erste Frage aus dem Publikum verdeutlicht mit der Frage „Wen juckt´s?“ den unterschiedlichen Umgang der Generationen mit sozialen Medien. Julia Ebner attestiert extremistischen Gruppierungen höchstes Tempo: „Es sollte uns am Herzen liegen, dem Einhalt zu gebieten“, betont die Referentin und vermutet, dass die breite Masse der Bevölkerung eine viel größere Lautstärke erreichen könnte, wenn sie sich öfter für ein Like entscheiden könnte. „Die Rechtsextremisten machen das wirklich gut“, gibt sie zu.

Wo die Jugend sei, lautet die Frage eines Lehrers, der zudem vermutet, dass Versäumnisse zu Polarisierung geführt haben könnten. Julia Ebner erläutert, dass Extremisten es stark auf die Generation Z, also die nach 1995 Geborenen abgesehen habe: „Hier gibt es viel Arbeit zu leisten, um Medienkompetenz zu fördern, damit sie den Narrativen nicht zum Opfer fallen. Und auch Mut, weil es an dieser Generation liegt, den Diskurs zurück zu erobern“, sagt sie und schlägt vor, ein verpflichtendes Schulfach Medienkompetenz einzuführen.

Für heiteres Gelächter sorgt die Rückmeldung eines Biolandwirts, der vermutet, dass zu viel Zeit an den Geräten verbracht wird: „Wenn ich eine Frage an die Jugend hab, krieg ich nie eine Antwort. Sie liken und disliken und können nicht sagen, wieso. Wir sind auf die Bäume geklettert und haben erdige Sachen gemacht.“ Julia Ebner betont so diplomatisch wie konkret, dass es wichtig sei, den Fortschritt anzunehmen. Auch hier sieht sie Vermittlungsbedarf und benennt diesen als „Zeitzeugen-Aufgabe“, was erneut zu Gelächter im Publikum führt. „Wir haben vor allem Peer-to-Peer, es müsste auch eine Intergenerations-Kampagne geben“, gibt sich Julia Ebner am Ende ihres Vortrags visionär.

 

Über Schildkröten und Goldfische

Die Einladung Bertram Meusburgers, die Referentin beim Abendausklang im Foyer des Bildungshauses noch anzusprechen wird rege genutzt. Es gelingt mir, mich kurz mit der Expertin auszutauschen und ich frage sie, ob es punkto Tempo nicht eine Gegenbewegung à la „Langsam ist das neue Schnell“ brauchen könnte, da extremistische Gruppierungen ohnehin stets einen Schritt voraus sind. Sie nickt und weist mich auf „Tortoise Media“ hin, einen Newsroom, der ausgewählten und langsamen Journalismus anbietet. Hinter der Geschichte der Plattform steht die Fabel einer Schildkröte, die eines Tages zu einem Rennen um das Verstehen der Welt antritt und mit der Haltung „Slow down. Wise up.“ gewinnt. Und dann legt die präsente und mutige Forscherin noch etwas aus der Tierwelt nach und lässt den Abend mit einem so positiven Bild wie zu Beginn ausklingen. Sie erzählt, dass sich BBC-Journalisten intensiv damit auseinandersetzten, wie viel Zeit Menschen mit Inhalten verbringen. Einen kleinen Moment wartet sie, bis sie lächelnd auflöst: „Nur ein paar Sekunden; auf jeden Fall weniger lang als Goldfische.“

Empfohlene Websites zu diesem Vortrag:
https://www.isdglobal.org
https://fearlessdemocracy.org
https://www.ichbinhier.eu
https://www.quilliaminternational.com

Mirjam Steinbock

 

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