Ingrid Brodnig: Das gerechte Netz. Eine Utopie des Internets

Veröffentlicht am Freitag, 10. Mai 2019

Ingrid Brodnig: Das gerechte Netz. Eine Utopie des Internets

Renata Schmidtkunz, Leiterin der Ö1-Reihe „Im Gespräch“, in der auch Interviews mit ausgewählten Sprecherinnen und Sprechern der „Tage der  Utopie“ ausgestrahlt werden, stellte die Referentin des Vortrags vor und moderierte das Gespräch. Kernthema war die Frage nach den Spielregeln für den digitalen öffentlichen Raum. Ingrid Brodnig, Expertin und Autorin fokussiert auf das „Internet“, analysiert die „dunklen Seiten“ der digitalen Kommunikation, die zunehmend und extrem sichtbar werden. 2017 veröffentlichte die Online-Expertin im Brandstätter Verlag das Buch „Lügen im Netz. Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik uns manipulieren“. Im Jahr zuvor erschien „Hass im Netz. Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können.“ In ihrem Vortrag am zweiten Abend der Tage der Utopie in Arbogast skizzierte sie die „neue Ära der Manipulation“, beschrieb, wie Desinformation in den letzten Jahren zugenommen hat und welche gesellschaftlichen und politischen Risiken damit verknüpft einhergehen, um schließlich Zukunftsszenarien zu entwerfen, welches Netz möglich wäre und was jeder zur Aufklärung und Veränderung beitragen kann. Ihr Ansatz ist präzise formuliert und nachvollziehbar, pragmatisch vor allem auch in den Handlungsoptionen, auf die die Referentin setzt, weil es – wie so vieles andere in unserer Gesellschaft – von Menschen gemacht und somit auch veränderbar ist.

 

Renata Schmidtkunz präsentiert Ingrid Brodnig

„Sie ist Expertin für digitale Selbstverteidigung in Zeiten von Hasskommentaren und Falschmeldungen und verfasst für österreichische Nachrichtenmagazin Profil die wöchentliche IT-Kolumne #brodnig.“ Brodnigs Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. „mit dem Bruno-Kreisky-Sonderpreis für das politische Buch. Im Frühjahr 2017 wurde sie von der Österreichischen Bundesregierung zum Digital Champion Österreichs in der EU-Kommission ernannt.“ www.brodnig.org

Ingrid Brodnig ist in Graz geboren, schrieb nach dem Studium für das Wiener Stadtmagazin Falter, danach fürs Profil, machte sich  2017 selbständig, wurde, wie bereits kurz angedeutet, digitale Botschafterin der EU, als welche sie die Digitalisierung Europas mitvorantreiben soll, publiziert laufend  ihre Forschungen, Der anonyme Mensch 2014 und weitere; mit ihrem Selbstverständnis behandelt sie die Themen im Kontext einer humanistischen Wissenschaft, analysiert die Faktenlagen und arbeitet an der Frage, wie das gerechte Netz aussehen kann und was es in der digitalen Medienwelt für Utopien gibt? Ihr Ansatz zielt auf Aufklärung über die Dinge und dass dabei die Menschenwürde einzuhalten sei.

 

Artists in Residence: David Helbock und Lorenz Raab

Wie jeden Abend vor dem Vortrag wird ein eigens komponiertes Stück aufgeführt; danach gibt es improvisierende Resonanz. Artists in Residenz bei den diesjährigen Tagen der Utopie sind der Jazzpianist David Helbock und der Oberösterreicher Lorenz Raab an der Trompete. Diese Komposition wie alle dieser Woche ist auf CD erhältlich. Das heutige Stück hebt lyrisch plätschernd an, bleibt ein paar Augenblicke poetisch melodiös, danach ist es, als würden sich die beiden exzellenten Musiker wie zwei kletternde Musikpoeten durch den Dschungel der Arbogaster Bäume durchhanteln, verschroben und pustend. Mit ihrem pulsierenden Tempo ist es, als bliesen sie die Fallschirme des Löwenzahn auf einer nicht gemähten Götzner Wiese weg, wo sich unmittelbar zuvor Bienen ihren Nektar holten. Daniel Helbock beugt sich über den Flügel, als wollte er hineinklettern; dieser beginnt, angeschoben vom Gebläse der Trompete zu beben, es ist, als brauste gerade ein Zug vorbei, bis dessen Geräusche sich mehr und mehr im Hintergrund der grandiosen Performance verlieren.  

 

Mind your language

Bereits Renata Schmidtkunz weist in ihrer Anmoderation auf die Bedeutung der Kommunikationsmittel hin, „Wir müssen darauf achten, in welcher Sprache wir miteinander sprechen. Es geht um Formen der Höflichkeit und des gegenseitigen Respekts, die die  Menschenwürde sichern“. Ingrid Brodnigs erstes Statement ist mehr als das Offenlegen eines hermeneutischen Selbstverständnisses, wie sie ihren Vortrag angelegt hat. Sie stellt einen Traum vor, den sie hat und der immer präziser formulierbar geworden sei. Sie träumt von einem Internet, in dem Frauen nicht abgestempelt und angebrüllt werden. Sie sehnt sich das Netz als ein Instrument der Aufklärung, ein Internet, wo man nicht damit rechnen muss, ausgecheckt zu werden. Es ist die Utopie eines Internets, in dem auch Große Steuern zahlen, es ist der Traum des Netzes als demokratisches Medium, das es sein sollte.

Den Status quo erörtert die Referentin, in dem sie vier Felder aufspannt, die ob ihrer dystopischen Qualität im Wesentlichen Hinweise auf in Ansätzen bereits bekannte und dennoch schier unglaubliche Faktenlagen sind, die sie mit Vorschlägen, wie wir zur Utopie kommen können, verknüpft.

Das erste ist das Feld des Hasses im Internet, besonders der Hass auf Frauen. Sie wählt dafür ein Ereignis, das seit bald einem Jahr Schlagzeilen macht. Sigrid Maurer hatte am 30. Mai 2018  im Netz geschrieben, dass sie am Vortag vom Besitzer eines Geschäftes über den Facebook-Nachrichtendienst Messenger obszöne Nachrichten bekommen habe. „Gestern hat er mich da blöd angeredet und mir diese Nachrichten geschickt", berichtete Maurer und veröffentlichte einen Screenshot der Botschaft mit eindeutig sexuell anzüglichen Inhalten. Der Geschäftsbesitzer wurde daraufhin von Usern mit Beschimpfungen überschwemmt, sein Lokal erhielt im Netz schlechte Bewertungen und der Mann wurde mehrfach bedroht. Der 40-Jährige bestritt, der Verfasser zu sein, woraufhin Sigrid Maurer klagte. Zunächst wurde sie für schuldig befunden. Im März 2019 hat das Oberlandesgericht Wien den Schuldspruch wegen übler Nachrede gegen die ehemalige grüne Nationalratsabgeordnete aufgehoben. Der Prozess muss wiederholt werden. Die Beleidigung, die S. Maurer bekam, wurde in erster Instanz nicht als eine Beleidigung gesehen, weil in Österreich eine Beleidigung immer vor Publikum stattfinden müsse. Als sie den sexuell untergriffigen Kommentar online stellte und dazu schrieb, dass dieser vom Account des Biergeschäfts komme, sagte der Besitzer, er sei es nicht gewesen, irgendjemand habe das von seinem Account abgeschickt, woraufhin, siehe oben, Sigrid Maurer schuldig gesprochen wurde. Derzeit heißt es zurück an den Start.

 

Im Internet möchte man am liebsten eine Comic-Katze sein

Im zweiten Beispiel analysiert Ingrid Brodnig, wie über Frauen im Netz gesprochen wird. Julia Enthoven, Gründerin von Capwing, einem Start-up Unternehmen, und zuständig für den Kundenaustausch, stellte Bilder ins Netz und lud ein, mit ihr, der Firmengründerin, zu chatten. Die Reaktionen waren durch die Bank quasi typisch für die Sprache, die im anonymen Internet vorfindbar ist; die Reaktionen auf das Foto eines Mannes waren gering, die auf ein eindeutig attraktives Fotomodel waren erschreckend pornografisch, das vierte und letzte Bild im Rahmen dieses Experiments zeigte eine Katze, die, nicht unerwartet, verbal am freundlichsten behandelt wurde, woraus sich ableiten ließe, im Internet möchte man am liebsten eine Comic-Katze sein.

Ein weiteres Feld beschäftigt sich mit Falschmeldungen – PI-News – Politically incorrect news. In diesem Sektor gibt es durchwegs perfide Strategien. Das Beispiel, das die Referentin vorstellt, stammt aus der Phase des letzten österreichischen Bundespräsidenten-Wahlkampfs. Die Botschaft war, es kursiere ein anonymes Dokument, dass der Kandidat Alexander van der Bellen nicht fit sei, wozu von den Intriganten auch noch pseudo-medizinische Befunde online gestellt wurden. Ein solches Ereignis kommt nicht überraschend, Desinformation ist hier in Europa wie in den USA weit verbreitet. Die Phase des US-amerikanischen Wahlkampfs war wohl die schlimmste. Eine aktuelle Fake News Studie besagt, dass etwa eine/r von vier US-AmerikanerInnen eine Fake News Website besucht hat. Dabei wurde auch eingeschätzt, wer das macht, und zwar von ganz links bis ganz rechts, bis in die Mitte, wie die Huffington Post, eine Online-Zeitung, berichtet. Die Desinformation sei im rechten Spektrum am stärksten.

 

Wir haben die Kontrolle über Daten verloren

Ein weiteres problematisches Feld bei der Nutzung des Internet ist die Werbung. Hier versuchen online Suchmaschinen und andere Internetforen möglichst viel über die User zu erfahren, die Daten werden gesammelt und Shadow profiles entwickelt, wie zum Beispiel von Facebook, wobei es schon gar keine Rolle mehr spielt, ob jemand persönlich auf Facebook ist, weil über andere Facebook User auch weitere angedockte Daten abrufbar sind.

Unternehmen, wie beispielsweise jenes von Mark Zuckerberg, sind auf weltweite Dominanz orientiert. Start-ups müssen anfangs gar nicht über so viel Geldmittel verfügen, weil sie durch die hohe Attraktivität ein rasches exponentielles Wachstum aufweisen. Und damit wird viel Geld gemacht. „Move fast and break things“, war Marc Zuckerbergs Slogan. Facebook ist nur ein Beispiel für schnelles Wachsen. Das Unternehmen zahlt  auch wenig Steuern. Einem Reuters Bericht zufolge verschob Google im Jahr 2017 23 Milliarden an Steuern in die Steueroase auf den Bermudas. Somit fallen die Gewinne zur Versteuerung auf den Bermudas an, wenig bleibt in Europa, den Staaten entgeht damit sehr viel Steuergeld.  

Die hier genannten Phänomene, der Hass im Netz, die intendierte Desinformation, Berechnung als Geschäftsmodell, Täuschung und Betrug, sind im Wesentlichen der Status quo.

 

Was ist die Zukunft? Was alles können wir verändern?

Im zweiten Teil des Vortrags, nach der Analyse, spricht Ingrid Brodnig über Vorschläge, was wir ändern können und könnten. Das öst. Strafgesetzbuch sei, was den Hass auf Frauen betrifft, ein altmodisches Tool, das unbedingt nachjustiert gehört. Vgl. http://www.arbeit-recht-soziales.at/kodex-strafrecht-2019 In Deutschland etwa, im Unterschied zu Österreich, zählt, ob die Würde des Menschen gekränkt wird. Hier in Österreich ist Beleidigung ein Privatanklagedelikt. Vieles wird nicht angezeigt, weil es ein juristisches Risiko gibt. Bei ernsteren Sachen, wie Verhetzung, Bedrohung, gefährliche Drohung, muss die Absicht des Absenders erkennbar sein. D.h. wir müssen die Tatbestände abklopfen und eine Lösung für die wahren Drohungen schaffen.

Prinzipiell sollen Websites einen respektvollen Umgang fördern. Der Respektknopf ist ein Schritt in diese Richtung. Aus Erfahrung und empirischer Beforschung weiß man, dass eine Meldung, wenn sie einen Like-Knopf bei sich hat, auf dem das wort Respekt steht, mehr likes findet. Facebook verwendet durchwegs smilies und spricht damit Emotionen an. Dieses Phänomen ist ein wesentliches Merkmal des Internet, wo häufig die Emotion im Zentrum steht. Wut aktiviert bekanntlich, wenn die Software Wut bestärkt. .

 

Die Algorithmen

Der Begriff umschreibt eine Folge von Anweisungen, mit denen ein bestimmtes Problem bzw. eine Frage gelöst werden kann. D.h. Informationen über bisherig aufgerufene Anwendungen werden gespeichert. Eine Vision des Internet wäre, wenn Wissenschafter untersuchen würden, wie genau das Internet funktioniert, wie Algorithmen eingesetzt werden und was die Nebenwirkungen des Algorithmus sind. Dies würde beispielsweise Expertenkontrolle ermöglichen und die Frage aufklären, wie gut eine Plattform für Desinformation eingerichtet ist.

Zu einer Utopie des Internets gehört weiters die Frage, wie qualitätsvolle Inhalte mehr Chancen haben können.  Zentral gehört dazu die Anregung, die öffentlichen Sender zu erhalten. Eine Antwort könnten die öffentlich rechtlichen Medien sein, die nach dem Neutralitätsgebot arbeiten und den Auftrag haben, die Demokratie zu wahren. Das Werbeetat wird absehbar noch stärker ins Digitale gehen. Deshalb ist der öffentlich rechtliche Rundfunk wichtig, weil wir damit eine pluralistische Demokratie stützen und schützen können. Das charakteristische Wesen des Populismus ist, dass politische Parteien eigene Kanäle einrichten, siehe Berlusconi in Italien. Um die Marktmacht zu beaufsichtigen und auch kontrollieren zu können, muss der Staat das Gegengewicht zu allem was passiert sein. Der Staat soll Leute auf neuen Posten anstellen, um diese Kontrolle zu gewährleisten. Der vormalige Justizminister Brandstätter hatte fünf Staatsanwälte nur fürs Internet angestellt, um die Einhaltung der Datenschutzgrundverordnung zu kontrollieren, im derzeitigen Stadium bräuchten die Behörden ausreichend Personal, vor allem würde es weit mehr Informatiker brauchen.  

 

Thema Steuern

Grundsätzlich bräuchte es – wie die Referentin ausführt – mehr Personal in der Finanz. Wenn nämlich wenig Menschen in diesem Feld beschäftigt sind, werden eher die einfachen Fälle behandelt. Schlupflöcher müssten geschlossen werden. Zudem bräuchte es ein neues, ein anderes Steuersystem. Das jetzige ist nicht für globalen Handel gemacht worden. Die ökonomischen Systeme in ihrer Einrichtung und Ausdehnung überwinden mühelos nationale Grenzen. Mit heutigen Firmenkonstruktionen kann man Gewinne sehr einfach verschieben. Die Corporate income tax rates, Steuern auf Gewinne, wurden in einzelnen Ländern stark gesenkt, wäre der Steuersatz gleich geblieben, hätten wir mehr Steuereinnahmen. Tendenziell verschiebt sich die Steuerlast und geht von den Unternehmen weg. Race to the bottom ...

 

Was sind die wirklich realisierbaren Konzepte?

Digitalen Reichtum mit Steuern greifbar machen ist angesichts der Verhältnisse eine visionäre Idee.  Apple, Google und Co sind alle sehr gut im Sparen von Steuern. Doch eigentlich bauen sie auf Technologien auf, die der Staat eingerichtet und teilweise von staatlichen Universitäten gefördert hat. Albert Fehrt und Peter Grünberg haben für ihre Forschungen am Magnetwiderstand, ein Effekt, der es ermöglicht hat, Festplatten zu entwickeln, 2007 den Nobelpreis für Physik erhalten. Die Grundfrage bleibt, wer die Visionen fürs Internet vorgibt. Wir sollten selbst den Rahmen schaffen, bessere Gesetze entwickeln und uns überlegen, wie ein besseres Internet funktionieren kann.  

Nach dem Vortrag wieder die Musik der beiden Artists in Residence. Nachdenklich, einfühlend, langsam ansteigend das Piano, ebenso die Trompete. Poetisch. Sinnlich. Leitern, über alle Unebenheiten hinweg. Und ins Freie. Glatt und verkehrt. Anklänge in leisen Querverweisen. In der spannenden Diskussion mit dem Publikum kamen zahlreiche Ideen aufs Tapet. Von Digitalsteuern war die Rede und von digitalen Betriebsstätten, von einem Steuersystem, das vom Kopf auf die Füße gestellt gehört, von einer Klarnamenregelung bis hin zur Frage, wie ein Pluralismus der Plattformen ermöglicht werden kann, von Urheberrechtsfragen bis zu ... Antworten auf alle diese Fragen findet man in den Büchern der Referentin, die eingangs erwähnt sind. Derzeit schreibt Ingrid Brodnig an einem nächsten Buch, das im Herbst erscheinen soll. Vorerst kann man in einem Interview mit Ingrid Brodnig, das im Tagungsband „Tage der Utopie. Entwürfe für eine gute Zukunft“ 2019 erschienen ist, einen wesentlichen Teil bereits lesen. „Der Netzkritiker Evgeny Morozov meint allerdings, dass die Digitalisierung vor allem more-of-the-same sei, in einer effizienteren Art und Weise, dass sehr viele digitale Tools einfach nur mehr Kapitalismus bringen.“ Ein hochinteressanter Abend mit einer sehr kompetenten Referentin, die in einer klaren Sprache spricht. Danke Frau Brodnig!

Peter Niedermair


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